G. Ph. Telemann – Matthäus-Passion (1730) Chorprojekt in St. Mariä Himmelfahrt Ahaus

11. March 2012

Statio am 3. Fastensonntag von Anne-Katrin Vogel

Filed under: Uncategorized — Anne-Katrin Vogel @ 20:56

Liebe Gemeinde,

heute steht einmal die Kirchenmusikerin vor Ihnen, um eine Statio zu halten. Kirchenmusik nimmt einen wichtigen Platz ein als Wegbegleiter  durch das Kirchenjahr. Nun wird es am 30. März (Freitag vor Palmsonntag) ein großes Passionskonzert in unserer Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt geben. Aufgeführt wird die Passion nach dem Evangelisten Matthäus von Georg Philipp Telemann aus dem Jahr 1730. Die beiden Chorkreise und einige Projektsänger bereiten sich seit September intensiv darauf vor. Außer dem Chor sind noch vier Solisten und das Europäische Barockorchester Le Chardon mit dabei. Im Vorfeld des Konzertes wird es zwei vorbereitende Vorträge im Karl-Leisner-Haus geben. Informationen dazu finden Sie in der Pfarrinfo. Ich lade Sie ganz herzlich dazu ein, sich mit dieser Passionsmusik zu beschäftigen. Sie ist fast 300 Jahre alt und hat in dieser Zeit nichts von ihrer Schönheit eingebüßt. Ich möchte Ihnen jetzt ein bißchen über die Passion erzählen, und sie dabei auch geistlich deuten.

Die Passionsgeschichte wird in unserer Liturgie im Jahreskreis an zwei Tagen vollständig vorgelesen: Am Palmsonntag und am Karfreitag.  Diese Doppelung zeigt, welchen hohen Stellenwert die Passion Christi in der Heilsgschichte hat. Christus gibt sich am Kreuz für uns hin, um unsere Sünden zu tilgen. Zudem wäre ohne das Leiden und Sterben Christi die Auferstehung nicht möglich.

Der besonders hohe Stellenwert der Verkündigung der Passionsgeschichte an Palmsonntag und Karfreitag wird auch in äußerlichen Merkmalen deutlich. Anders als bei allen anderen Perikopen im Jahreskreis findet die Lesung der Passion in verteilten Rollen statt. Diese sind der Evangelist, also gewissermaßen der Erzähler, Jesus, und alle andere wörtliche Rede.  Zwischen den einzelnen Abschnitten der Erzählung bleibt auch die Gemeinde nicht unbeteiligt. Es werden Lieder gesungen, und wenn sich das Geschehen zuspitzt, steht die Gemeinde auf. Beim Sterben Christi knien wir uns dann sogar zu einer Gebetsstille hin.  Diese Elemente des „Mittuns“ machen die Dramatik der Passionsgeschichte für den Gottesdienstbesucher deutlich spürbar. Es entsteht ein Gefühl des Miterlebens.

Telemann wurde 1681 in Magdeburg geboren und starb 1767 mit 66 Jahren in Hamburg. Er war ein Zeitgenosse von Bach, und mit Händel verband ihn eine lebenslange Freundschaft. An seiner Stellen in Hamburg als Musikdirektor der fünf evangelisch lutherischen Hauptkirchen hat Telemann wahnsinnig viel zu tun gehabt. Unter anderem musste er jede Woche zwei neue Kantaten und einmal im Jahr eine Passion abliefern. Trotz diesem unheimlichen Leistungsdruck ist es ihm gelungen, unheimlich schöne, geistvolle Musik zu komponieren, die auch 300 Jahre später noch ans Herz geht. Ich glaube, das liegt daran, dass er ein großes Talent hatte schöne, gesangliche Melodien zu erfinden.

Eine Passionskomposition ist in Ihrem Aufbau sehr ähnlich wie die Lesung in der Liturgie. Ursprünglich waren Oratorien für den Gebrauch im Gottesdienst bestimmt. Das Wort Oratorium kommt von dem lateinischen Wort orare – beten. Wie schon gesagt, hatte Telemann an seiner Stelle in Hamburg die Pflicht, jedes Jahr eine neue Passion zu komponieren. Auf diese Weise hat er es zu über 40 Passionen gebracht, die seiner Feder entstammten. Diese Passionen wurden dann im Rahmen eines Gottesdienstes aufgeführt. Die in die Komposition eingearbeiteten Choräle  wurden von der Gemeinde mitgesungen; genau so, wie auch wir heute immer zwischendurch Kirchenlieder singen. Wir singen zum Beispiel an der Stelle, wo Jesus die Dornenkrone aufgesetzt bekommt, O Haupt voll Blut und Wunden. Das ist übrigens einer der barocken Passionschoräle, die sich sogar noch heute in unserem Gotteslob wiederfinden.

Genau wie in der Liturgie gibt es auch im Oratorium die Rollen der Sprecher im Bibeltext. Das sind ein Evangelist (Tenor), der in sogenannten Rezitativen die Rolle des Erzählers übernimmt. Das Wort Rezitativ kommt von dem lateinischen Wort  recitare – vorlesen. Die Rolle des Jesus wird  von einem anderen Solisten (Bass) übernommen. Alle andere wörtliche Rede wird entweder von weiteren Solisten oder vom Chor gesungen, abhängig davon, ob einzelne Personen oder Personengruppen sprechen.  In den Chorälen, entsprechend den Liedern die wir heute im Rahmen einer Passionslesung singen, nimmt der einzelne Gottesdienstbesucher gewissermaßen Stellung zu dem eben gehörten. Es folgt zu Beispiel auf die Abendmahlsszehne der Choral, Jesu, wahres Brot des Lebens.  Die Choräle erklingen in der Passion in vierstimmigen Sätzen, in denen die Harmonien den Inhalt der Texte gefühlsmäßig unterstreichen. Hierauf werde ich in meinem Werkeinführungsvortrag am weiter eingehen.

Nach der Verkündigung des Evangeliums in der Liturgie hören wir normalerweise eine Predigt. Dementsprechend gibt es in der Passion Arien, die nicht den Bibeltext beinhalten, sondern das zuletzt Erzählte deuten und kommentieren. Ein Beispiel dafür ist die Arie „Meine wehmutvolle Seele“. Matthäus berichtet, wie Jesus mit den Jüngern im Garten Gethsemane ist. Er ist von großer Angst erfüllt, und bittet sie, mit ihm zu wachen und zu beten. Darauf folgt eine Arie der Gläubigen Seele mit dem Text Meine wehmutvolle Seele leidet mit durch Jesu Leid. Über seine herben Schmerzen wallet mir das Blut im Herzen vor recht bittrer Trauigkeit. Diese Arie ist eine meiner Lieblingsstellen in dem ganzen Stück, denn sie ist unglaublich schön komponiert. Durch so genannte Seufzer in der Musik kann man das Mitleid förmlich spüren. Auf diese Weise wird es dem Zuhörer leicht gemacht, mitzuvollziehen, was gerade passiert.

Sehr oft kann man sogar am Notenbild sehen, wie die Musik den Text abbildet. Das ist echt spannend zu sehen. Wenn Sie sich dafür interessieren, wie das aussehen kann, lade ich Sie ganz herzlich zu dem Werkeinführungsvortrag am 23. März in Karl-Leisner-Haus ein, da werde ich dann näher auf solche Dinge eingehen.

Doch zurück zur Gläubigen Seele. Die Gläubige Seele ist gewissermaßen als „idealer Christ“ zu betrachten. Sie kommentiert das Geschehen in einer Weise, die zeigt, wie der gläubige und redliche Christ denken und fühlen sollte. Mit ihr kann man sich als Zuhörer identifizieren. Die Gläubige Seele taucht in der Passion von Telemann immer wieder auf, und wandert dabei durch alle Stimmlagen. Das macht deutlich, dass jeder von uns diese Gläubige Seele sein kann.

Den Rahmen der Matthäus-Passion von Telemann bilden zwei Choräle. Am Beginn steht der Choral Wenn meine Sünd mich kränken, o mein HerrJesu Christ, so lass mich wohl bedenken, wie du gestroeben bist und alle meine Schuldenlast am Stamm des heilgen Kreuzes auf dich genommen hast. Der Text dieses Chorals steht auch an diesem Sonntag auf dem Titel der Pfarrinfo, denn er bildet einen wesentlichen Bestandteil des theologischen Verständnisses ab, das in der Passion transportiert wird. Auch uns betrifft diese Sichtweise direkt.  So beten wir heute im Tagesgebet : „…wir stehen als Sünder vor dir, und unser Gewissen klagt uns an….“. Damit sind wir wieder an dem Punkt, dass Jesus für uns am Kreuz stirbt, um für unsere Sünden einzutreten. Am Ende der Passion steht ein Dankgebet, auch in Form eines Chorals: Nun ich danke dir von Herzen, Jesu für gesamte Not, für die Wunden für die Schmerzen, für den herben, bittern Tod. Für dein Zittern, für dein Zagen, für dein tausendfaches Plagen, für dein Angst und tiefe Pein will ich ewig dankbar sein.

Im Kommunionvers von heutigen Sontag heißt es: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“ Diese Aussage bietet in der Tat einen guten Grund zur Dankbarkeit. Denn die unermessliche Liebe, die Gott uns im Leiden und Sterben Christi zeigt, ist für uns tatsächlich gar nicht vorstellbar. Deswegen glaube ich, ist es wichtig, dass wir mit großer Demut und Dankbarkeit immer wieder das Evangelium verkünden und in die Welt tragen. Und für mich als Musikerin gibt es keinen besseren Weg, dies zu tun, als in der Musik.

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